Synästhetisches

Drei Tage in Basel. Intensivstunden mit meinem Lehrer Stefan Haselhoff. Während wir an der Technik feilen, gibt es auch einiges an freier Zeit zu füllen. Ich entscheide mich an diesem Vormittag fürs Kunstmuseum und verbringe den Vormittag mit Holbein, Rodin und Giacometti.
Ausstellungen lassen einem, gerade wochentags, die Zeit, sich ein Bild und seine Aussage selbst zu erobern. Ich schlendere durch hohe, fast vereinsamte Räume. Und während in den Renaissance- und Barockbildern flämischer und französischer Schule noch jeder Pinselstrich mit einer Detailverliebtheit gesetzt wird, die an Pedanterie heran reicht, wo die kleinste Reflektion auf einem winzigen Wassertropfen noch vom Auge des Künstlers mit eingefangen und in pico und bello abgebildet wird, wo die holzrotgoldenen Darstellungen von Christi Leiden und Passion in in diesen neutralen, grauen und sauberen Hallen wie aus ihrem sakralen Rahmen herausgeholt wirken, ändern sich Zeiten, Epochen, Malstile und Ansichten. Pinselstriche werden breiter und ungenauer, ganz bewusst gröber gesetzt. Formen werden dekonstruiert und kubistisch neu zusammengeschoben. Farben werden in anderen Nuancen durchschattiert, in Lichtbrechungen festgehalten oder komplett verfremdet. Irgendwann ersetzen sogar gebogene Drahtgestelle den Pinselstrich, bis sich das Modell von Kunst als Gemälde oder Skulptur vollkommen aufgelöst hat und auch die geistige Leinwand frei wird für Kreativität, die keine Grenzen mehr kennt und sich deshalb auch immer wieder neu erfinden muss.

Im Museum selbst ist es still. Keine Hintergrundgeräusche, vor allem keine Musik. Ab und an geht eine schweigende Aufsicht auf leisen Sohlen hinter mir her und versucht, nicht zu stören. Solche Orte der Stille sind seltener zu finden. Kunstwerke sprechen für sich selbst, brauchen keine akustische Unterstützung, um interessanter zu werden. Mit fortschreitender kultureller Epoche versuche ich, die Energie eines Raumes zu erspüren, bevor ich die Kunstwerke, die dort hängen, tatsächlich bewusst in Augenschein nehme. Die Bilder sind, vor diesem schlichten Hintergrund, das Einzige, was die Atmosphäre im Raum maßgeblich bestimmt. Und merke, fast unbewusst, dass ein Raum eine beklemmende Stimmung in sich trägt, – und richtig findet sich eine starke, überzeugende Darstellung von Christus im Grabe als überlebensgroßer, dunkler Leichnam an einer Wand im Zwischengeschoss. Oder ich bin bei den minimalistischen Kunstwerken der frühen Moderne gelandet und stelle fest, wie streng diese Ordnung ist, und wünsche mir ein wenig Chaos und Bogenförmiges zurück, für die Freiheit, sich auch außerhalb der Ordnung bewegen zu können, um später wieder zu ihr zurückzukehren.

Langsam beschleicht mich der Gedanke, was wäre, wenn man ein Kunstwerk aus sich heraus zum Klingen bringen könnte, undzwar eines, das nicht von Anfang an dafür ausgelegt ist? Quasi den Puls eines Gemäldes erspüren? Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ sind als prominentestes Beispiel dafür natürlich zur Hand, und wer immer an französischen Impressionismus denkt, wird die Kombination von Monet und Debussy in seinem kulturellen Gedächtnis mit fast schlafwandlerischer Sicherheit verankert wissen. Aber Holbein? Füssli? Kandinsky? Bloße akustische Zuordnung greift für einige Kunstwerke da schlicht zu kurz, obwohl sie in Film, Fernsehen, Werbung und im Musiktheater weit verbreitet und aus unserer Kinokultur überhaupt nicht mehr wegzudenken ist.

Wollte man das Kunstwerk, das Bild selbst zum Klingen bringen und seine ganz eigene, individuelle Melodie oder Struktur hervor locken, müsste man die Fähigkeiten eines Synästheten umkehren: Menschen, die Musik hören und bei bestimmten Tönen bestimmte Farben im Kopf haben, würden diesen Farben umgekehrt auch Töne zuordnen können. Die Bilder, die ihnen zugrunde liegen, wären dann ebenso leicht beschreibbar. Diese Zuordnung wäre dann nicht beliebig und nach ästhetischen Gesichtspukten vorgenommen, sondern zwingend. Wollte man allerdings den Besuchern dieses Erlebnis gönnen, müssten alle alkoholischen Getränke im Verkauf an der Bar zusätzlich mit LSD oder anderen halluzinogenen Substanzen angereichert werden (was sowohl aus polizeilichen wie auch aus finanziellen Gründen verboten ist, denn wer sollte das bezahlen?). So bleibt der Musik, will sie mit der Kunst in Kontakt treten, oft nur die schlichte, hoffentlich geschmackvolle Zuordnung, nicht der synästhetische Gehalt. Und nun dürfen Sie selbst überlegen, wie denn ein van Gogh klingt, im Unterschied zu einem Rembrandt, und was diesen wiederum von Vermeer unterscheiden würde.

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