Tücken der Technik

Vor einigen Wochen wurde der ein Jahr alte Filius meines Schwagers getauft. Nach der Taufe waren wir zur Familienfeier eingeladen, und als Taufgeschenk hatten sich die Eltern etwas Musikalisches gewünscht. Ich gehe zu einem Spielwarenladen und frage, was es für diese Altersgruppe (Kleinkinder) an passendem Spielzeug gibt.

Die Verkäuferin führt mich zu zwei verschiedenen Regalen: „Einmal hätten wir hier dieses Glockenspiel, das ist aus Metall und Holz, und dann gibt es noch dieses, äh, Telefon…“ Was sie mir mit diesen Worten zeigt, ist ein Gameboy-artiges Gerät, das eine Mischung aus Walkie-talkie, Minifernseher und Krachmaschine ist, denn wenn man diverse Knöpfe drückt, blinkt es orange und grün und macht Polizeisirenen, Playstations und ein halbes Raumschiff nach, kurz, einen Mordsradau. Ich stelle mir vor, wie man das als Eltern den ganzen Tag mit anhören muss, wenn es dem Filius gefällt, stelle mir vor, wie dieses Ding auf einen leicht beeinflussbaren Einjährigen wirkt, woran es ihn gewöhnt, ohne dass er es selber bewusst merkt, und entscheide mich ohne Zögern für das Glockenspiel.

Wie sich bei der Feier herausstellen sollte, war das die absolut richtige Wahl, der Knabe ist begeistert von dem Klang, den der kleine Klöppel auf dem Metall erzeugt, und gibt ihn weiter, um andere auch probieren zu lassen, was er Neues gefunden hat, bevor er ihn selbst wieder nimmt, sein erstes musikalisches Spielzeug, ein Geben und Nehmen und Austauschen, das ihn in gesunder Beziehung zu seiner Umwelt zeigt – nur, wenn es zu arg wird, wie bei den drei anderen eingeladenen sechs- und neunjährigen Jungs, dreht er das gesamte Glockenspiel um, damit sie nicht mehr darauf spielen können und er immer noch bestimmt, wer es wann zum Klingen bringen darf.

Natürlich gibt es Analogien zu unserem Erwachsenenleben. Es ist ein großer Unterschied, ob ich aktiv Musik mache, mich mit einem Instrument oder der eigenen Stimme und mir selbst auseinandersetze, ob ich spiele, ausprobiere, welche Bewegungen einen schönen Klang erzeugen und welche nicht, und das Risiko aushalte, dass auch mal etwas daneben geht, oder mich, zwei Kopfhörer in den Ohren, von meiner Lieblingsband, dem letzten Podcast oder der neuen Folge meiner Lieblingsserie berieseln lasse, die selbstverständlich auch mit Musik unterlegt ist  (nur nicht mit meiner eigenen).

Lesen Sie diesen Artikel in einem öffentlichen Verkehrsmittel? Schauen Sie sich einmal diskret um und  beobachten Sie, wie viele Menschen Kopfhörer in den Ohren oder das Smartphone vor der Nase haben. Vergleichen Sie mit denen, die ein Buch oder eine Zeitschrift lesen, sich mit anderen unterhalten oder aus dem Fenster schauen. Die Handy- und Smartphone-Sucht hat große Teile der Bevölkerung im Griff. Das hat nicht nur Auswirkungen auf unser Gehirn, sondern auch auf unser Verhalten. Die FAZ berichtete im letzten Jahr bereits davon, wie Handys süchtig machen und wie Google, Apple & Co. darauf reagieren wollen.

Auswirkungen hat das aber nicht nur auf unser beständiges Kleben an der kleinen Mattscheibe, das scheinbar zuerst nur uns persönlich betrifft, sondern auch auf unser Sozialleben. Logisch: Wer mit seinem Smartphone beschäftigt ist, ist weniger offen für andere Reize von außen.

Wer in einer fremden Stadt einen Passanten nach dem Weg fragt, erntet zuerst einmal verständnislose Blicke, dann realisiert der Betroffene, dass er tatsächlich, o Wunder, persönlich gemeint und angesprochen ist und dass er vielleicht auch noch darauf antworten sollte, dann erst wird der Stöpsel aus dem Ohr genommen, dann noch einmal nachgefragt, was denn eigentlich die Frage war. Beeinträchtigungen im Straßenverkehr für alle Teilnehmer erhöhen sich so drastisch, sobald Smartphones aktiv bedient werden, gleichgültig ob als Fußgänger, Fahrradfahrer oder hinter dem Steuer.

Die Aktivitäten auf sozialen Medien erhöhen sich, der persönliche Kontakt und Austausch lässt nach. Das gilt besonders für die jetzt heranwachsende Generation, die mit den technischen Medien groß wird. Das führt dazu, dass wesentliche soziale Fähigkeiten, die wir im direkten Austausch mit unserem Gegenüber einüben, vernachlässigt und schließlich, auf Dauer betrieben, verlernt werden – denn das Internet ist ja anonym. Zuhören, was andere Menschen zu sagen haben, statt erstmal die eigene Meinung in den Vordergrund zu schieben. Selbst mitreden, statt nur stumm mitzulesen, ohne sich zu beteiligen. Ein Gespür für den Tonfall und die Wortwahl entwickeln, die der Situation und meinem Gegenüber angemessen ist. Ein Mindestmaß an Respekt für meine Gesprächspartner entwickeln, was nicht nur unter Jugendlichen und Heranwachsenden gilt, sondern auch und gerade für Erwachsene, die ihre Vorbilder sind, ob sie sich dessen nun bewusst sind oder nicht. Das führt bis hin zu der Frage, ob soziale Schwierigkeiten und auch Straftaten dadurch vermehrt auftreten, weil wir wegen fehlender Empathie nicht mehr in der Lage sind, die Emotionen unseres Gegenübers korrekt einzuschätzen – wie sollten wir auch? Emojis sind begrenzt und kennen weder Ironie noch doppelten Boden.

Ein weiterer Effekt, der zunächst weniger offensichtlich ist: Wer sich ausdauernd mit seinem Smartphone beschäftigt, verliert das Gespür für den eigenen Körper. Wenn ich Anfängern im Gesangsunterricht beibringen muss, dass ihr Körper sich beim Einatmen mit Luft füllt und dabei ausdehnt, und beim Ausatmen wieder zusammen geht, müssen sie drei Mal nachforschen, ihren eigenen Körper im Atmen spüren und entdecken lernen, bevor sie dahinter kommen, dass diese Aussage stimmen könnte. Das passiert selbst noch bei Jugendlichen und Erwachsenen. Von den üblichen Haltungsschäden, die mit der dauerhaften Nutzung von technischen Geräten wie Smartphone und Computer einhergehen, spreche ich hier nicht, unter „Smartphone-Hals“ können Sie sich aber sicherlich etwas vorstellen.

Ist jetzt Musik das alleinseligmachende Allheilmittel gegen unsere sogenannte soziale Vereinsamung und Verrohung? Klare Antwort: Nein. Aber Musik, vor allem dann, wenn sie in Gruppen gemacht wird, ist eine höchst soziale Tätigkeit und schafft emotionale Verbindungen zu sich selbst, dem eigenen Körper, anderen Menschen und ihrer Gegenwart. Wer sich daheim mit seinem Instrument oder der eigenen Stimme auseinander setzt, beeinflusst seine Gehirnstruktur positiv und lernt Schritt für Schritt, seine eigenen Fähigkeiten zu erweitern und schafft für sich selbst im wahrsten Sinn des Wortes Spielräume für neue Erfahrungen.
Auch das kann zu einer sozialen Tätigkeit werden, wenn verschiedene Mitglieder des Haushalts ebenfalls ein Instrument beherrschen oder singen – da der Begriff „Hausmusik“ inzwischen reichlich altbacken klingt, versuche ich hier ein kleines Rebranding und nenne es „Homejamming“, mit einem freundlichen Gruß an die Garagenband von nebenan, den lokalen Kinder-, Kirchen- oder Gospelchor, das Amateur- oder semiprofessionelle Orchester, die zahlreichen Privatlehrer, Musikvereine und Musikschulen vor Ort.

Sie haben Angst, mit Ihren begrenzten Fähigkeiten vor andere Menschen zu treten oder sich hören zu lassen? Dafür sind Musiklehrer da. Suchen Sie in Ruhe nach dem Lehrer, der zu Ihnen und Ihrem Instrument passt. Wenn Sie eher das Gefühl haben, dass es nicht so sehr die Musik ist, sondern mehr andere Menschen, die bei Ihnen Befremden und Unsicherheit auslösen, fragen Sie sich, wie klein Ihre persönliche Filterblase inzwischen geworden ist, und überlegen Sie, ob es sich nicht doch lohnen könnte, neue Kontakte zu knüpfen. Und falls Sie den Schritt inzwischen gewagt haben: Willkommen zurück im realen Leben…

 

 

Zum Weiterlesen:

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/wenn-das-smartphone-zur-droge-wird-15625900.html

https://www.zeit.de/news/2018-09/20/ablenkung-durch-smartphone-ist-haeufigste-unfallursache-im-strassenverkehr-20180920-doc-19a0fd

 

 

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