Lost in translation

Kennen sie den gleichnamigen Film mit Bill Murray und Scarlett Johannson von Sofia Coppola? Darin geht es um zwei Amerikaner, die in Tokyo ihr Getrenntsein von der so anders gearteten kulturellen Umgebung gemeinsam bewältigen und sich dabei näher kennen lernen.
Titelgebend für den Film war offenbar eine Szene, in der Bill Murray – der sich als alternden Hollywoodschauspieler so gut wie selbst verkörpert – Werbung für eine Whiskeymarke machen soll. Die Filmcrew macht die Aufnahmen für den Werbespot, und der Regisseur ist sichtlich nicht zufrieden. Eine wütende japanische Schimpfkanonade bricht über das Set herein, die Crew hält betreten still, bis die Dolmetscherin Murray mit zartem Stimmchen höflich bedeutet, er solle langsamer und mit mehr Intensität spielen. Der Schauspieler sieht mit fragendem Blick zu ihr: „War das wirklich alles, was er gesagt hat?“

Ich sitze an dem Programmheft für meinen nächsten Liederabend „If love’s a sweet passion“, der sich mit Liebesliedern aus Renaissance und Barock auseinandersetzen soll, und schreibe Übersetungen für englische und deutsche Lyrik. Es ist nicht zwingend die Aufgabe einer Sängerin, ihr eigenes Programmheft zu schreiben, aber durch diverse andere Beispiele bemerke ich doch, wie schwierig es sein kann, eine angemessene Übertragung zu finden. Weg Nummer eins geht über die komplette Ignoranz von Metrum und Rhythmus, bietet aber die Möglichkeit, den Sinn genauer aus dem Original heraus zu schälen. Weg Nummer zwei versucht eine gereimte Version des Textes, kann dabei allerdings manchmal den Wortinhalt zugunsten der Sprachmelodie vernachlässigen. Treffen beide, Sinn und Form, zusammen, ergibt sich eine glückliche Übertragung, die schon manchen Autor schwer zum Nachdenken gebracht hat. Von Shakespeares Sonetten existieren beispielsweise deutschsprachige Versionen von etwa 109 Autoren, darunter Stefan George und Paul Celan, die in sich vollkommen unterschiedlich sind.

Es stellt sich manchem vielleicht die Frage, warum man in Deutschland nicht diese oder andere Übersetzungen englischer, französischer oder italienischer Liedtexte singt, um es dem Publikum, das sich ja wie die Figuren von Murray und Johannson durch das fremdsprachige Gelände durchhören muss, etwas einfacher zu machen (üblich ist das heute nur noch im Schlager- und Musicalbereich).

Die Gesangspädagogin Franziska Martienssen-Lohmann schreibt dazu in „Der wissende Sänger“ von den herrschenden Zuständen in den vierziger und fünfziger Jahren:

„Die Katastrophe der verschiedenen Mozartübersetzungen der letzten fünfzig Jahre macht dieses Thema für den Sänger noch besonders einleuchtend. Zuzeiten mußten ein Sänger oder eine Sängerin drei- viermal den Übersetzungstext ihrer Mozartpartien umlernen, was besonders bei Gastspielen zu Verzweiflungsausbrüchen führen mußte. Denn was dies Umlernen bedeutet für Gestaltung, Ausdruck und Spiel – das versteht nur derjenige, der die Zusammengehörigkeit von Wort, Klang und Geste in der Vorstellungswelt des Sängers kennt. (…) Die neueren Bestrebungen an deutschen Bühnen, Mozart italienisch zu singen, sind kaum so anspruchsvoll für den Sänger wie das vorangegangene Chaos es war.“

Wir wissen es heute, die Tendenz zur Originalsprache hat sich auf Opern- und Konzertbühnen durchgesetzt, und wenn Boris Godunow gegeben werden soll, werden russische Solisten eingekauft, die der kyrillischen Schrift und Sprache mächtig sind – nicht, dass ich nicht auch schon in russischer, tschechischer, altkoreanischer, katalanischer und aramäischer Sprache gesungen hätte, aber es hilft tatsächlich, kulturell beflissener Muttersprachler zu sein. Für alles andere hilft Recherche. Lieder.net, leo.org und duden.de stehen mir dabei zur Seite, wenn es gilt, den Duktus, den Klang und die Schönheit der Gedichtsprache von damals für heutige Leser und Zuhörer wieder erlebbar zu machen. Ich für meinen Teil bevorzuge Übersetzungen in Reimen, wenn das Original gereimt war, und muss so mangels geeigneter Vorbilder, wie sie z.B. für Berlioz‘ Liederzyklus Les nuits d’été von Peter Cornelius in singbarer deutscher Übersetzung verfügbar sind, selbst nachdichtend schöpferisch tätig werden. Zuweilen, und bei günstiger Ausgangslage, gelingt mir das sogar, wie ein Lied von Henry Purcell aus The Fairy Queen darstellen mag:

If love‘s a sweet passion, why does it torment?
If a bitter, oh tell me whence comes my content?
Since I suffer with pleasure, why should I complain,
or grieve at my fate, when I know `tis in vain?
Yet so pleasing the pain is, so soft is the dart,
that at once it both wounds me and tickles the heart.

Ist Lieb ein süß Leiden, warum quält ihr Bann?
Ist sie bitter, sag, woher kommt mein Frieden dann?
Da ich‘s mit Freuden trage, tut‘s Not, dass ich klag,
mein Schicksal betraure, wenn ich nichts dran vermag?
Doch so sanft ist ihr Pfeil, und so wohl tut ihr Schmerz,
dass sie gleichzeitig reizt und verwundet mein Herz.


Aber versuchen Sie mal, einen Reim auf „Frühling“ zu finden. Es grüßt aus dem Synonym- und Metapherndickicht

Nora B. Hagen

„If love’s a sweet passion“, Nora B. Hagen (Sopran) und Niels Pfeffer (Laute/Theorbe), 11./12. Oktober 2019, Markt 8 Ludwigsburg.

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