Winterreisen

Zweiter Januar 2020. Die Sonne hat sich heute dazu entschieden, uns einen herrlichen Wintermorgen zu bescheren, blau, kalt, mit dem ersten Raureif des Jahres. Der Atem gefriert in der Luft. Ich gehe am See entlang und betrachte die von weißen Kristallen gesäumten Blätter und Gräser, die sich nur noch im Schatten finden lassen; das trockene, mattbraune Schilf, in dem keine Teichhühner mehr piepen; die leeren Fischerhütten. Wilde Weiden stehen am Ufer, ausgehöhlt und blattlos. Sie beugen sich krumm und windend in alle Richtungen, und bestehen teilweise nur noch aus der Hälfte des ursprünglichen Baumes. Eine zarte, dünne Schicht Eis hat sich über das Wasser am Rand des Ufers gelegt, nicht genug, um auch nur einen Fuß sicher zu tragen. In der Mitte des Sees glitzert die Sonne in tausend kleinen Wellenspiegeln. Man trifft nicht eine Menschenseele; lediglich ein schwarzer Hund schaut mir durch den Gartenzaun hinweg nach. Von fern hört man die Schreie der Wildgänse, die sich zum großen Flug versammeln.

Eine Szenerie, die nur zu deutlich im Sinne von Schuberts „Winterreise“ und Purcells „Cold Song“ schwingt; eine sprichwörtliche Waldeinsamkeit in weiß, die ihren Namen zu Recht trägt. Es gibt wenige Genres, die so zu dieser Landschaft passen wie das Kunstlied. Ruhig von den Dingen zu berichten, die der Dichter sieht, sie zum Klingen zu bringen, ein kleines Stück davon in Musik und Schrift zu retten – nichts wäre poetischer und geeigneter. Trotzdem ist der unmittelbare visuelle Zauber der Natur verloren, sobald man sich wieder in einem geschlossenen Zimmer befindet. Umgekehrt leiden Instrumente aus Holz und Saiten – genau wie Sängerkehlen – oft unter den Witterungsbedingungen eines open-air-Konzertes. Die Lösung wäre ein Saal mit einer durchsichtigen Fensterfront, vorausgesetzt, es ist eine entsprechende Aussicht vorhanden. So wären das Wetter und der Lichteinfall die eigentlichen Akteure in einem Konzert. Gerade impressionistische Werke müssten hier ihre eigentliche Stärke entwickeln: Im immerwährenden Wechsel der Tages- und Jahreszeiten Anregung, Andeutung, Inspiration, Gegensatz, Übergang und Erfüllung zu finden. Licht und Schatten, Tag und Nacht, Sommer und Winter würden als zufällige, nicht kontrollierbare Faktoren die Atmosphäre mitbestimmen, und so der Musik ein Stück ihrer Unmittelbarkeit zurück geben. Da Regen und Schnee, Wind und Sonne nicht kontrollierbar sind, führen sie uns noch einmal die Demut vor Augen, die wir als Menschen vor der Natur haben müssten, weil wir sie bis heute nicht beherrschen, sondern allerhöchstens klug mit ihr umgehen können. 

Dabei sollte man nicht verschweigen, dass viele Lieder nicht ausschließlich von Landschaften und Jahreszeiten handeln, sondern dass auch eine Unmenge an Liebesliedern existiert. Wer ein wenig sucht, wird auch geistliche Lieder finden, nicht zu reden von den erzählenden Balladen. Braucht man hierfür ebenso eine visuelle Unterstützung, weil die Phantasie des Zuschauers nichts anderes mehr hergibt außer der Fähigkeit, vorgefertigte Bilder nachzuverfolgen? Wenn ein Freund uns eine interessante Begebenheit erzählt – hören wir dann weg, weil er kein Foto davon gemacht hat? Oder sind die Kraft der Erzählung und des Erzählers selbst stark genug, um uns zu fesseln?

Wären sie es nicht, würden die Zuschauer, die zu „Mord im Museum III: Die Koloratur des Todes“ kommen, weil sie einen Krimi lösen wollen, nicht unvermutet ein Tränchen im Auge haben, wenn der letzte Takt von Schumanns „Seit ich ihn gesehn“ aus „Frauenliebe und -leben“ verklungen ist. Es funktioniert, wenn es gut gemacht ist; natürlich funktioniert es. Man muss nur als Zuschauer erst einmal darauf kommen, dass dem so ist. 


Mord im Museum III: Die Koloratur des Todes
Landesmuseum Stuttgart, Haus der Musik am Schillerplatz

Neue Termine für 2020!
30.01. / 31.01. / 01.02.
27.02. / 28.02. / 29.02.
24.09. / 25.9. / 26.09.
10.12. / 11. 12. / 12.12.

jeweils 19 bis ca. 22 Uhr

Haus der Musik im Fruchtkasten, Schillerplatz 1, Stuttgart

 

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