À la mode

Zu Beginn des Jahres fängt bei der Modeindustrie das große Orakeln an: Was sind die Trends für 2019? Was trägt man dieses Jahr? Welche Farben? Welche Schnitte? Was ist angesagt, was ist (schon wieder) out? Nach einer mehr oder weniger detaillierten Analyse der großen Shows in London, Mailand, New York und Paris, die auf dem Laufsteg oder im Internet gezeigt wurden, erstellt jede namhafte Modezeitschrift, jede Website und jedes Modeblog ein eigenes Fazit. Wer dahingehend zwischen verschiedenen Quellen zu vergleichen sucht, kommt sich bald vor wie in einem undurchsichtigen Dschungel. Lange Streifen oder Polka dots? Gelbes „Meadow Lark“ oder edle Koralle? Federn oder Fransen? Lack oder Leder? Vielleicht doch lieber ganz nackt herum laufen, damit man sich nicht entscheiden muss?

Eine weltumspannende Industrie setzt sich damit auseinander, wie unser temporäres äußeres Erscheinungsbild für die nächsten paar Monate sein könnte, alles, um dem Auge immer wieder ein neues, möglichst interessantes Festessen für ein paar Momente zu bieten. Dass dasselbe auch für das Ohr gelten könnte, hat sich als Erkenntnis noch nicht durchgesetzt.

Man mag auf den ersten Blick denken, dass Mode und Musik miteinander nicht viel zu tun haben. Genauer betrachtet ist aber auch die Musikindustrie, selbst die klassische, nicht frei davon.

Aus der Geschichte herausgegriffen sei das Beispiel Richard Wagners, der mit seinem neuartigen Musikdrama die gesamte Musikwelt polarisierte und Befürworter, Nachahmer und Gegner auf den Plan rief. Rossinis Opernmelodien pfiffen bald die Spatzen von den Dächern, und die italienische Widerstandsbewegung von 1815 wäre ohne den bis heute populären Gefangenenchor „Va‘ pensiero“ aus Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ nicht denkbar gewesen.

Auch von einzelnen Sängern sind wegweisende musikalische Modeströmungen ausgegangen – was wäre die Belcanto-Oper ohne die Ausgrabungen von Maria Callas, das Lied ohne Dietrich-Fischer-Dieskau?

Mode in der Musik macht auch vor der Aufführungspraxis nicht halt, Nikolaus Harnoncourt und seinen Mitstreitern sei Dank. Hört man sich darüber hinaus historische Aufnahmen der zu ihrer Zeit weltberühmten Sängerin Nellie Melba aus den Jahren um 1900 an, fragt man sich heute, wie eine im Vergleich zu heute derart zarte, hohe Stimme im heutigen Musikbetrieb überleben würde. Und stellt fest, dass vor den 1960ern – also mit dem Auftreten von Maria Callas – diese Art zu singen Hochkonjunktur hatte, weil Frauenstimmen auf diese Art und Weise etwas Unschuldiges, Mädchenhaftes ausdrücken sollten, das den Beschützerinstinkt im Mann weckte und ihm auf gar keinen Fall in irgendeiner Weise gefährlich werden konnte. (An dieser Stelle dürfen jetzt alle der Leserin zur Verfügung stehenden feministischen Kommentare einsetzen.) 

Die Tendenz heute geht, konform mit unserem urbanen Lebensstil, in Richtung immer schneller, lauter und höher, auch in der Barockmusik. Ruhe, Langsamkeit und Konzentration scheinen mit unserem effizienzgetriebenen Dasein sowie der zugehörigen ständigen Geräuschkulisse der Städte nicht mehr vereinbar zu sein. Aber Gegentrends zu dieser – auf Dauer ungesunden – Art des Lebens gibt es inzwischen auch: Als Beispiele seien genannt die Slow food Bewegung, der Ruf nach zeitloser, trendunabhängiger Mode, die Rückkehr des Buches, oder der Wunsch, es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich zu machen, welcher Wörter wie „hygge“ aus dem Dänischen als neusten Verkaufsschlager im heimischen Design propagiert.

Die musikalischen Trends für 2019? Neben den Jubilaren Leopold (!) Mozart und Clara Schumann – alles, was klassische Musik für die meisten Menschen heute auch ist: Zeitlos und schön.

Von Vögeln und Sängern


Zur Adventszeit wurde mir von der Familie ein entsprechender Kalender mit der Post geschickt, der hinter jedem Türchen bis zum 24. Dezember eine Vogelart auflistete. Der Kalender war von einem kleinen, lokalen Vogelschutzkomitee gedruckt worden und hatte zu jeder aufgeführten Art ein Bild hinzugefügt, damit man die entsprechende Spezies im heimischen Garten, auf Feld und Flur sowie nahen Waldgebieten auch richtig erkennen und identifizieren konnte. Darunter gab es, wie ich Türchen für Türchen fest stellte, auch einige Arten, von deren Existenz ich bis dato nichts gewusst hatte.

Im Netz kursierte vor einiger Zeit der Spruch, wem keine fantasievollen Schimpfwörter mehr einfielen, der solle sich doch das allgemeine Pilzkundebuch zur Hand nehmen, damit er seine Zeitgenossen als fransigen Wulstling oder gemeinen Hallimasch bezeichnen könne. Ähnlich wäre es möglich, den Vergleich zwischen Vögeln und missliebigen Sängern vorzunehmen.

ER: „Sie Schafstelze haben aber auch von nichts eine Ahnung!“
SIE: „Sie Wiesenpieper! Kaufen Sie sich doch erstmal ein Megaphon!“

Einige werden sich noch an den Loriot-Sketch erinnern, wo nach einem bestimmten Dessert im Restaurant die Ehegattin des jeweils anderen Mannes hingebungsvoll als „Schnepfe“ bezeichnet wurde, ein Schimpfwort, das mittlerweile ganz aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist – von der berühmt-berüchtigten Nebelkrähe und diebischen Elstern ganz zu schweigen. (Gottseidank gehören solche Gespräche im Berufsleben weitestgehend der Vergangenheit an.)

Dass der Vergleich der menschlichen Stimme mit Vogelgesang ein Topos ist, der sich auch in der Notenliteratur niedergeschlagen hat, dürfte unter Sängern sattsam bekannt sein. Vor allem der flexiblen Sopranstimme wird dabei die vokale Darstellung von Singvögeln in die geläufige Gurgel hinein komponiert. Allein die Literatur, die sich mit Nachtigallengesang als Thema auseinandersetzt, würde einen ganzen Sammelband füllen:

Im deutschen Lied der Romantik finden sich Kompositionen von Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Johannes Brahms, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Edvard Grieg; Hugo Wolf erwähnt sie im Vorbeigehen, dafür ist Franz Schubert gleich zwei Mal mit unterschiedlichen Gedichtgrundlagen vertreten, die Vertonungen reichen insgesamt von Johann Hermann Scheins dreistimmigem Chorsatz bis hin zu Alban Bergs „Sieben frühen Liedern“.

Unter dem benachbarten französischen Stichwort „Le rossignol“ sind Werke von Lassus, Gounod, Délibes, Reynaldo Hahn und Camille Saint-Saëns aufgeführt, letzterer mit der aparten Komposition „Parysatis“, unter der man eine französische Version des Märchens „Die Nachtigall und die Rose“ von Oscar Wilde entdecken kann. In die frühe französische Moderne weisen Lieder von Florent Schmitt, Charles Koechlin und Darius Milhaud.

Darüber hinaus ist das russische Lied „I Soloviei (dt.: Die Nachtigall)“ sowohl ein bekanntes russisches Lied von Alexander Alabiev, über das Michail Glinka und Franz Liszt einige nicht ganz anspruchslose Variationen für Klavier solo geschrieben haben, als auch eine selten gespielte Kammeroper von Igor Stravinsky auf der Grundlage von Hans Christian Andersens Märchen.

Johann Strauss Sohn lässt es sich, als Tüpfelchen auf dem i, nicht nehmen, eine „Nachtigall-Polka“ zu schreiben, damit der arme Vogel auch etwas zu tanzen hat.

Sie lesen viel Unbekanntes? Sehen Sie, so ging es mir mit dem Vogelkalender auch. (Aus Gründen der Political correctness hier einen entsprechenden Band mit Nebelkrähen-Kompositionen zu fordern, ginge an der poetischen Realität vorbei. Zur Ehrenrettung sei aber Franz Schuberts „Die Krähe“ aus der „Winterreise“ D911 angeführt.)

Umgekehrt gibt es auch zahlreiche Versuche, durch Dressur den Vögeln beizubringen, die menschliche Stimme zu imitieren, was bei Papageien und Kakadus noch am ehesten von Erfolg gekrönt zu sein scheint. Gefiederte Freunde, die der Königin der Nacht oder Luciano Pavarotti nacheifern, scheint es einige auf der Welt zu geben, wenn man YouTube Glauben schenken mag. Für mehr als kurze Sequenzen reicht aber auch die beste Dressur nicht aus. Es sei unseren geflügelten Zeitgenossen gegönnt; sie haben auch, zugegeben, einen im Vergleich zum Menschen begrenzten Gehirnumfang. Bis das abendfüllende Solorecital eines Aras auf uns wartet, vergeht noch viel Zeit.

Mehr Geduld ist den Menschen gegeben, die sich mit dem Vogelgesang befassen, welcher ohnehin die natürliche Verständigungsform ist. Versuche, die echten, natürlichen Vogellaute zu notieren oder aufzunehmen, die Singvögel landauf und landab von selbst benutzen, sind zahlreiche gemacht worden. Zu den berühmtesten Komponisten, die sich mit diesem Thema befasst haben, zählt Olivier Messiaen, der 700 verschiedene Vogelstimmen voneinander unterscheiden konnte und einige davon in seinen Kompositionen verarbeitete.

Wäre er dieser Tage unterwegs, um seine ornithologischen Notizen zu Singvögeln in freier Natur zu machen, würden seine Ergebnisse vermutlich anders ausfallen. Den deutlichen Rückgang der Arten führt der BUND auf Insektensterben, weniger Lebensräume, Stromleitungen, Vogelschlag an Glasscheiben, verwilderte Hauskatzen und – wie immer – den Klimawandel zurück.

Was zur Erhaltung der menschlichen Singstimme, gleichgültig ob solistisch oder im Chor oder auch nur als ganz allgemeines Singen, vonnöten ist, steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.

Es steht aber selbstverständlich jedem frei, sich für den Vogelschutz oder für den Sängerschutz zu engagieren, damit beide Stimmformen erhalten bleiben, was, wenn man es metaphorisch betrachtet, eine gewisse Ähnlichkeit miteinander hat.