Lost in translation

Kennen sie den gleichnamigen Film mit Bill Murray und Scarlett Johannson von Sofia Coppola? Darin geht es um zwei Amerikaner, die in Tokyo ihr Getrenntsein von der so anders gearteten kulturellen Umgebung gemeinsam bewältigen und sich dabei näher kennen lernen.
Titelgebend für den Film war offenbar eine Szene, in der Bill Murray – der sich als alternden Hollywoodschauspieler so gut wie selbst verkörpert – Werbung für eine Whiskeymarke machen soll. Die Filmcrew macht die Aufnahmen für den Werbespot, und der Regisseur ist sichtlich nicht zufrieden. Eine wütende japanische Schimpfkanonade bricht über das Set herein, die Crew hält betreten still, bis die Dolmetscherin Murray mit zartem Stimmchen höflich bedeutet, er solle langsamer und mit mehr Intensität spielen. Der Schauspieler sieht mit fragendem Blick zu ihr: „War das wirklich alles, was er gesagt hat?“

Ich sitze an dem Programmheft für meinen nächsten Liederabend „If love’s a sweet passion“, der sich mit Liebesliedern aus Renaissance und Barock auseinandersetzen soll, und schreibe Übersetungen für englische und deutsche Lyrik. Es ist nicht zwingend die Aufgabe einer Sängerin, ihr eigenes Programmheft zu schreiben, aber durch diverse andere Beispiele bemerke ich doch, wie schwierig es sein kann, eine angemessene Übertragung zu finden. Weg Nummer eins geht über die komplette Ignoranz von Metrum und Rhythmus, bietet aber die Möglichkeit, den Sinn genauer aus dem Original heraus zu schälen. Weg Nummer zwei versucht eine gereimte Version des Textes, kann dabei allerdings manchmal den Wortinhalt zugunsten der Sprachmelodie vernachlässigen. Treffen beide, Sinn und Form, zusammen, ergibt sich eine glückliche Übertragung, die schon manchen Autor schwer zum Nachdenken gebracht hat. Von Shakespeares Sonetten existieren beispielsweise deutschsprachige Versionen von etwa 109 Autoren, darunter Stefan George und Paul Celan, die in sich vollkommen unterschiedlich sind.

Es stellt sich manchem vielleicht die Frage, warum man in Deutschland nicht diese oder andere Übersetzungen englischer, französischer oder italienischer Liedtexte singt, um es dem Publikum, das sich ja wie die Figuren von Murray und Johannson durch das fremdsprachige Gelände durchhören muss, etwas einfacher zu machen (üblich ist das heute nur noch im Schlager- und Musicalbereich).

Die Gesangspädagogin Franziska Martienssen-Lohmann schreibt dazu in „Der wissende Sänger“ von den herrschenden Zuständen in den vierziger und fünfziger Jahren:

„Die Katastrophe der verschiedenen Mozartübersetzungen der letzten fünfzig Jahre macht dieses Thema für den Sänger noch besonders einleuchtend. Zuzeiten mußten ein Sänger oder eine Sängerin drei- viermal den Übersetzungstext ihrer Mozartpartien umlernen, was besonders bei Gastspielen zu Verzweiflungsausbrüchen führen mußte. Denn was dies Umlernen bedeutet für Gestaltung, Ausdruck und Spiel – das versteht nur derjenige, der die Zusammengehörigkeit von Wort, Klang und Geste in der Vorstellungswelt des Sängers kennt. (…) Die neueren Bestrebungen an deutschen Bühnen, Mozart italienisch zu singen, sind kaum so anspruchsvoll für den Sänger wie das vorangegangene Chaos es war.“

Wir wissen es heute, die Tendenz zur Originalsprache hat sich auf Opern- und Konzertbühnen durchgesetzt, und wenn Boris Godunow gegeben werden soll, werden russische Solisten eingekauft, die der kyrillischen Schrift und Sprache mächtig sind – nicht, dass ich nicht auch schon in russischer, tschechischer, altkoreanischer, katalanischer und aramäischer Sprache gesungen hätte, aber es hilft tatsächlich, kulturell beflissener Muttersprachler zu sein. Für alles andere hilft Recherche. Lieder.net, leo.org und duden.de stehen mir dabei zur Seite, wenn es gilt, den Duktus, den Klang und die Schönheit der Gedichtsprache von damals für heutige Leser und Zuhörer wieder erlebbar zu machen. Ich für meinen Teil bevorzuge Übersetzungen in Reimen, wenn das Original gereimt war, und muss so mangels geeigneter Vorbilder, wie sie z.B. für Berlioz‘ Liederzyklus Les nuits d’été von Peter Cornelius in singbarer deutscher Übersetzung verfügbar sind, selbst nachdichtend schöpferisch tätig werden. Zuweilen, und bei günstiger Ausgangslage, gelingt mir das sogar, wie ein Lied von Henry Purcell aus The Fairy Queen darstellen mag:

If love‘s a sweet passion, why does it torment?
If a bitter, oh tell me whence comes my content?
Since I suffer with pleasure, why should I complain,
or grieve at my fate, when I know `tis in vain?
Yet so pleasing the pain is, so soft is the dart,
that at once it both wounds me and tickles the heart.

Ist Lieb ein süß Leiden, warum quält ihr Bann?
Ist sie bitter, sag, woher kommt mein Frieden dann?
Da ich‘s mit Freuden trage, tut‘s Not, dass ich klag,
mein Schicksal betraure, wenn ich nichts dran vermag?
Doch so sanft ist ihr Pfeil, und so wohl tut ihr Schmerz,
dass sie gleichzeitig reizt und verwundet mein Herz.


Aber versuchen Sie mal, einen Reim auf „Frühling“ zu finden. Es grüßt aus dem Synonym- und Metapherndickicht

Nora B. Hagen

„If love’s a sweet passion“, Nora B. Hagen (Sopran) und Niels Pfeffer (Laute/Theorbe), 11. Oktober 2019, 19:00 im Markt 8 Ludwigsburg. www.artundweise.de

Tücken der Technik

Vor einigen Wochen wurde der ein Jahr alte Filius meines Schwagers getauft. Nach der Taufe waren wir zur Familienfeier eingeladen, und als Taufgeschenk hatten sich die Eltern etwas Musikalisches gewünscht. Ich gehe zu einem Spielwarenladen und frage, was es für diese Altersgruppe (Kleinkinder) an passendem Spielzeug gibt.

Die Verkäuferin führt mich zu zwei verschiedenen Regalen: „Einmal hätten wir hier dieses Glockenspiel, das ist aus Metall und Holz, und dann gibt es noch dieses, äh, Telefon…“ Was sie mir mit diesen Worten zeigt, ist ein Gameboy-artiges Gerät, das eine Mischung aus Walkie-talkie, Minifernseher und Krachmaschine ist, denn wenn man diverse Knöpfe drückt, blinkt es orange und grün und macht Polizeisirenen, Playstations und ein halbes Raumschiff nach, kurz, einen Mordsradau. Ich stelle mir vor, wie man das als Eltern den ganzen Tag mit anhören muss, wenn es dem Filius gefällt, stelle mir vor, wie dieses Ding auf einen leicht beeinflussbaren Einjährigen wirkt, woran es ihn gewöhnt, ohne dass er es selber bewusst merkt, und entscheide mich ohne Zögern für das Glockenspiel.

Wie sich bei der Feier herausstellen sollte, war das die absolut richtige Wahl, der Knabe ist begeistert von dem Klang, den der kleine Klöppel auf dem Metall erzeugt, und gibt ihn weiter, um andere auch probieren zu lassen, was er Neues gefunden hat, bevor er ihn selbst wieder nimmt, sein erstes musikalisches Spielzeug, ein Geben und Nehmen und Austauschen, das ihn in gesunder Beziehung zu seiner Umwelt zeigt – nur, wenn es zu arg wird, wie bei den drei anderen eingeladenen sechs- und neunjährigen Jungs, dreht er das gesamte Glockenspiel um, damit sie nicht mehr darauf spielen können und er immer noch bestimmt, wer es wann zum Klingen bringen darf.

Natürlich gibt es Analogien zu unserem Erwachsenenleben. Es ist ein großer Unterschied, ob ich aktiv Musik mache, mich mit einem Instrument oder der eigenen Stimme und mir selbst auseinandersetze, ob ich spiele, ausprobiere, welche Bewegungen einen schönen Klang erzeugen und welche nicht, und das Risiko aushalte, dass auch mal etwas daneben geht, oder mich, zwei Kopfhörer in den Ohren, von meiner Lieblingsband, dem letzten Podcast oder der neuen Folge meiner Lieblingsserie berieseln lasse, die selbstverständlich auch mit Musik unterlegt ist  (nur nicht mit meiner eigenen).

Lesen Sie diesen Artikel in einem öffentlichen Verkehrsmittel? Schauen Sie sich einmal diskret um und  beobachten Sie, wie viele Menschen Kopfhörer in den Ohren oder das Smartphone vor der Nase haben. Vergleichen Sie mit denen, die ein Buch oder eine Zeitschrift lesen, sich mit anderen unterhalten oder aus dem Fenster schauen. Die Handy- und Smartphone-Sucht hat große Teile der Bevölkerung im Griff. Das hat nicht nur Auswirkungen auf unser Gehirn, sondern auch auf unser Verhalten. Die FAZ berichtete im letzten Jahr bereits davon, wie Handys süchtig machen und wie Google, Apple & Co. darauf reagieren wollen.

Auswirkungen hat das aber nicht nur auf unser beständiges Kleben an der kleinen Mattscheibe, das scheinbar zuerst nur uns persönlich betrifft, sondern auch auf unser Sozialleben. Logisch: Wer mit seinem Smartphone beschäftigt ist, ist weniger offen für andere Reize von außen.

Wer in einer fremden Stadt einen Passanten nach dem Weg fragt, erntet zuerst einmal verständnislose Blicke, dann realisiert der Betroffene, dass er tatsächlich, o Wunder, persönlich gemeint und angesprochen ist und dass er vielleicht auch noch darauf antworten sollte, dann erst wird der Stöpsel aus dem Ohr genommen, dann noch einmal nachgefragt, was denn eigentlich die Frage war. Beeinträchtigungen im Straßenverkehr für alle Teilnehmer erhöhen sich so drastisch, sobald Smartphones aktiv bedient werden, gleichgültig ob als Fußgänger, Fahrradfahrer oder hinter dem Steuer.

Die Aktivitäten auf sozialen Medien erhöhen sich, der persönliche Kontakt und Austausch lässt nach. Das gilt besonders für die jetzt heranwachsende Generation, die mit den technischen Medien groß wird. Das führt dazu, dass wesentliche soziale Fähigkeiten, die wir im direkten Austausch mit unserem Gegenüber einüben, vernachlässigt und schließlich, auf Dauer betrieben, verlernt werden – denn das Internet ist ja anonym. Zuhören, was andere Menschen zu sagen haben, statt erstmal die eigene Meinung in den Vordergrund zu schieben. Selbst mitreden, statt nur stumm mitzulesen, ohne sich zu beteiligen. Ein Gespür für den Tonfall und die Wortwahl entwickeln, die der Situation und meinem Gegenüber angemessen ist. Ein Mindestmaß an Respekt für meine Gesprächspartner entwickeln, was nicht nur unter Jugendlichen und Heranwachsenden gilt, sondern auch und gerade für Erwachsene, die ihre Vorbilder sind, ob sie sich dessen nun bewusst sind oder nicht. Das führt bis hin zu der Frage, ob soziale Schwierigkeiten und auch Straftaten dadurch vermehrt auftreten, weil wir wegen fehlender Empathie nicht mehr in der Lage sind, die Emotionen unseres Gegenübers korrekt einzuschätzen – wie sollten wir auch? Emojis sind begrenzt und kennen weder Ironie noch doppelten Boden.

Ein weiterer Effekt, der zunächst weniger offensichtlich ist: Wer sich ausdauernd mit seinem Smartphone beschäftigt, verliert das Gespür für den eigenen Körper. Wenn ich Anfängern im Gesangsunterricht beibringen muss, dass ihr Körper sich beim Einatmen mit Luft füllt und dabei ausdehnt, und beim Ausatmen wieder zusammen geht, müssen sie drei Mal nachforschen, ihren eigenen Körper im Atmen spüren und entdecken lernen, bevor sie dahinter kommen, dass diese Aussage stimmen könnte. Das passiert selbst noch bei Jugendlichen und Erwachsenen. Von den üblichen Haltungsschäden, die mit der dauerhaften Nutzung von technischen Geräten wie Smartphone und Computer einhergehen, spreche ich hier nicht, unter „Smartphone-Hals“ können Sie sich aber sicherlich etwas vorstellen.

Ist jetzt Musik das alleinseligmachende Allheilmittel gegen unsere sogenannte soziale Vereinsamung und Verrohung? Klare Antwort: Nein. Aber Musik, vor allem dann, wenn sie in Gruppen gemacht wird, ist eine höchst soziale Tätigkeit und schafft emotionale Verbindungen zu sich selbst, dem eigenen Körper, anderen Menschen und ihrer Gegenwart. Wer sich daheim mit seinem Instrument oder der eigenen Stimme auseinander setzt, beeinflusst seine Gehirnstruktur positiv und lernt Schritt für Schritt, seine eigenen Fähigkeiten zu erweitern und schafft für sich selbst im wahrsten Sinn des Wortes Spielräume für neue Erfahrungen.
Auch das kann zu einer sozialen Tätigkeit werden, wenn verschiedene Mitglieder des Haushalts ebenfalls ein Instrument beherrschen oder singen – da der Begriff „Hausmusik“ inzwischen reichlich altbacken klingt, versuche ich hier ein kleines Rebranding und nenne es „Homejamming“, mit einem freundlichen Gruß an die Garagenband von nebenan, den lokalen Kinder-, Kirchen- oder Gospelchor, das Amateur- oder semiprofessionelle Orchester, die zahlreichen Privatlehrer, Musikvereine und Musikschulen vor Ort.

Sie haben Angst, mit Ihren begrenzten Fähigkeiten vor andere Menschen zu treten oder sich hören zu lassen? Dafür sind Musiklehrer da. Suchen Sie in Ruhe nach dem Lehrer, der zu Ihnen und Ihrem Instrument passt. Wenn Sie eher das Gefühl haben, dass es nicht so sehr die Musik ist, sondern mehr andere Menschen, die bei Ihnen Befremden und Unsicherheit auslösen, fragen Sie sich, wie klein Ihre persönliche Filterblase inzwischen geworden ist, und überlegen Sie, ob es sich nicht doch lohnen könnte, neue Kontakte zu knüpfen. Und falls Sie den Schritt inzwischen gewagt haben: Willkommen zurück im realen Leben…

 

 

Zum Weiterlesen:

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/wenn-das-smartphone-zur-droge-wird-15625900.html

https://www.zeit.de/news/2018-09/20/ablenkung-durch-smartphone-ist-haeufigste-unfallursache-im-strassenverkehr-20180920-doc-19a0fd

 

 

Synästhetisches

Drei Tage in Basel. Intensivstunden mit meinem Lehrer Stefan Haselhoff. Während wir an der Technik feilen, gibt es auch einiges an freier Zeit zu füllen. Ich entscheide mich an diesem Vormittag fürs Kunstmuseum und verbringe den Vormittag mit Holbein, Rodin und Giacometti.
Ausstellungen lassen einem, gerade wochentags, die Zeit, sich ein Bild und seine Aussage selbst zu erobern. Ich schlendere durch hohe, fast vereinsamte Räume. Und während in den Renaissance- und Barockbildern flämischer und französischer Schule noch jeder Pinselstrich mit einer Detailverliebtheit gesetzt wird, die an Pedanterie heran reicht, wo die kleinste Reflektion auf einem winzigen Wassertropfen noch vom Auge des Künstlers mit eingefangen und in pico und bello abgebildet wird, wo die holzrotgoldenen Darstellungen von Christi Leiden und Passion in in diesen neutralen, grauen und sauberen Hallen wie aus ihrem sakralen Rahmen herausgeholt wirken, ändern sich Zeiten, Epochen, Malstile und Ansichten. Pinselstriche werden breiter und ungenauer, ganz bewusst gröber gesetzt. Formen werden dekonstruiert und kubistisch neu zusammengeschoben. Farben werden in anderen Nuancen durchschattiert, in Lichtbrechungen festgehalten oder komplett verfremdet. Irgendwann ersetzen sogar gebogene Drahtgestelle den Pinselstrich, bis sich das Modell von Kunst als Gemälde oder Skulptur vollkommen aufgelöst hat und auch die geistige Leinwand frei wird für Kreativität, die keine Grenzen mehr kennt und sich deshalb auch immer wieder neu erfinden muss.

Im Museum selbst ist es still. Keine Hintergrundgeräusche, vor allem keine Musik. Ab und an geht eine schweigende Aufsicht auf leisen Sohlen hinter mir her und versucht, nicht zu stören. Solche Orte der Stille sind seltener zu finden. Kunstwerke sprechen für sich selbst, brauchen keine akustische Unterstützung, um interessanter zu werden. Mit fortschreitender kultureller Epoche versuche ich, die Energie eines Raumes zu erspüren, bevor ich die Kunstwerke, die dort hängen, tatsächlich bewusst in Augenschein nehme. Die Bilder sind, vor diesem schlichten Hintergrund, das Einzige, was die Atmosphäre im Raum maßgeblich bestimmt. Und merke, fast unbewusst, dass ein Raum eine beklemmende Stimmung in sich trägt, – und richtig findet sich eine starke, überzeugende Darstellung von Christus im Grabe als überlebensgroßer, dunkler Leichnam an einer Wand im Zwischengeschoss. Oder ich bin bei den minimalistischen Kunstwerken der frühen Moderne gelandet und stelle fest, wie streng diese Ordnung ist, und wünsche mir ein wenig Chaos und Bogenförmiges zurück, für die Freiheit, sich auch außerhalb der Ordnung bewegen zu können, um später wieder zu ihr zurückzukehren.

Langsam beschleicht mich der Gedanke, was wäre, wenn man ein Kunstwerk aus sich heraus zum Klingen bringen könnte, undzwar eines, das nicht von Anfang an dafür ausgelegt ist? Quasi den Puls eines Gemäldes erspüren? Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ sind als prominentestes Beispiel dafür natürlich zur Hand, und wer immer an französischen Impressionismus denkt, wird die Kombination von Monet und Debussy in seinem kulturellen Gedächtnis mit fast schlafwandlerischer Sicherheit verankert wissen. Aber Holbein? Füssli? Kandinsky? Bloße akustische Zuordnung greift für einige Kunstwerke da schlicht zu kurz, obwohl sie in Film, Fernsehen, Werbung und im Musiktheater weit verbreitet und aus unserer Kinokultur überhaupt nicht mehr wegzudenken ist.

Wollte man das Kunstwerk, das Bild selbst zum Klingen bringen und seine ganz eigene, individuelle Melodie oder Struktur hervor locken, müsste man die Fähigkeiten eines Synästheten umkehren: Menschen, die Musik hören und bei bestimmten Tönen bestimmte Farben im Kopf haben, würden diesen Farben umgekehrt auch Töne zuordnen können. Die Bilder, die ihnen zugrunde liegen, wären dann ebenso leicht beschreibbar. Diese Zuordnung wäre dann nicht beliebig und nach ästhetischen Gesichtspukten vorgenommen, sondern zwingend. Wollte man allerdings den Besuchern dieses Erlebnis gönnen, müssten alle alkoholischen Getränke im Verkauf an der Bar zusätzlich mit LSD oder anderen halluzinogenen Substanzen angereichert werden (was sowohl aus polizeilichen wie auch aus finanziellen Gründen verboten ist, denn wer sollte das bezahlen?). So bleibt der Musik, will sie mit der Kunst in Kontakt treten, oft nur die schlichte, hoffentlich geschmackvolle Zuordnung, nicht der synästhetische Gehalt. Und nun dürfen Sie selbst überlegen, wie denn ein van Gogh klingt, im Unterschied zu einem Rembrandt, und was diesen wiederum von Vermeer unterscheiden würde.

À la mode

Zu Beginn des Jahres fängt bei der Modeindustrie das große Orakeln an: Was sind die Trends für 2019? Was trägt man dieses Jahr? Welche Farben? Welche Schnitte? Was ist angesagt, was ist (schon wieder) out? Nach einer mehr oder weniger detaillierten Analyse der großen Shows in London, Mailand, New York und Paris, die auf dem Laufsteg oder im Internet gezeigt wurden, erstellt jede namhafte Modezeitschrift, jede Website und jedes Modeblog ein eigenes Fazit. Wer dahingehend zwischen verschiedenen Quellen zu vergleichen sucht, kommt sich bald vor wie in einem undurchsichtigen Dschungel. Lange Streifen oder Polka dots? Gelbes „Meadow Lark“ oder edle Koralle? Federn oder Fransen? Lack oder Leder? Vielleicht doch lieber ganz nackt herum laufen, damit man sich nicht entscheiden muss?

Eine weltumspannende Industrie setzt sich damit auseinander, wie unser temporäres äußeres Erscheinungsbild für die nächsten paar Monate sein könnte, alles, um dem Auge immer wieder ein neues, möglichst interessantes Festessen für ein paar Momente zu bieten. Dass dasselbe auch für das Ohr gelten könnte, hat sich als Erkenntnis noch nicht durchgesetzt.

Man mag auf den ersten Blick denken, dass Mode und Musik miteinander nicht viel zu tun haben. Genauer betrachtet ist aber auch die Musikindustrie, selbst die klassische, nicht frei davon.

Aus der Geschichte herausgegriffen sei das Beispiel Richard Wagners, der mit seinem neuartigen Musikdrama die gesamte Musikwelt polarisierte und Befürworter, Nachahmer und Gegner auf den Plan rief. Rossinis Opernmelodien pfiffen bald die Spatzen von den Dächern, und die italienische Widerstandsbewegung von 1815 wäre ohne den bis heute populären Gefangenenchor „Va‘ pensiero“ aus Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ nicht denkbar gewesen.

Auch von einzelnen Sängern sind wegweisende musikalische Modeströmungen ausgegangen – was wäre die Belcanto-Oper ohne die Ausgrabungen von Maria Callas, das Lied ohne Dietrich-Fischer-Dieskau?

Mode in der Musik macht auch vor der Aufführungspraxis nicht halt, Nikolaus Harnoncourt und seinen Mitstreitern sei Dank. Hört man sich darüber hinaus historische Aufnahmen der zu ihrer Zeit weltberühmten Sängerin Nellie Melba aus den Jahren um 1900 an, fragt man sich heute, wie eine im Vergleich zu heute derart zarte, hohe Stimme im heutigen Musikbetrieb überleben würde. Und stellt fest, dass vor den 1960ern – also mit dem Auftreten von Maria Callas – diese Art zu singen Hochkonjunktur hatte, weil Frauenstimmen auf diese Art und Weise etwas Unschuldiges, Mädchenhaftes ausdrücken sollten, das den Beschützerinstinkt im Mann weckte und ihm auf gar keinen Fall in irgendeiner Weise gefährlich werden konnte. (An dieser Stelle dürfen jetzt alle der Leserin zur Verfügung stehenden feministischen Kommentare einsetzen.) 

Die Tendenz heute geht, konform mit unserem urbanen Lebensstil, in Richtung immer schneller, lauter und höher, auch in der Barockmusik. Ruhe, Langsamkeit und Konzentration scheinen mit unserem effizienzgetriebenen Dasein sowie der zugehörigen ständigen Geräuschkulisse der Städte nicht mehr vereinbar zu sein. Aber Gegentrends zu dieser – auf Dauer ungesunden – Art des Lebens gibt es inzwischen auch: Als Beispiele seien genannt die Slow food Bewegung, der Ruf nach zeitloser, trendunabhängiger Mode, die Rückkehr des Buches, oder der Wunsch, es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich zu machen, welcher Wörter wie „hygge“ aus dem Dänischen als neusten Verkaufsschlager im heimischen Design propagiert.

Die musikalischen Trends für 2019? Neben den Jubilaren Leopold (!) Mozart und Clara Schumann – alles, was klassische Musik für die meisten Menschen heute auch ist: Zeitlos und schön.

Von Vögeln und Sängern


Zur Adventszeit wurde mir von der Familie ein entsprechender Kalender mit der Post geschickt, der hinter jedem Türchen bis zum 24. Dezember eine Vogelart auflistete. Der Kalender war von einem kleinen, lokalen Vogelschutzkomitee gedruckt worden und hatte zu jeder aufgeführten Art ein Bild hinzugefügt, damit man die entsprechende Spezies im heimischen Garten, auf Feld und Flur sowie nahen Waldgebieten auch richtig erkennen und identifizieren konnte. Darunter gab es, wie ich Türchen für Türchen fest stellte, auch einige Arten, von deren Existenz ich bis dato nichts gewusst hatte.

Im Netz kursierte vor einiger Zeit der Spruch, wem keine fantasievollen Schimpfwörter mehr einfielen, der solle sich doch das allgemeine Pilzkundebuch zur Hand nehmen, damit er seine Zeitgenossen als fransigen Wulstling oder gemeinen Hallimasch bezeichnen könne. Ähnlich wäre es möglich, den Vergleich zwischen Vögeln und missliebigen Sängern vorzunehmen.

ER: „Sie Schafstelze haben aber auch von nichts eine Ahnung!“
SIE: „Sie Wiesenpieper! Kaufen Sie sich doch erstmal ein Megaphon!“

Einige werden sich noch an den Loriot-Sketch erinnern, wo nach einem bestimmten Dessert im Restaurant die Ehegattin des jeweils anderen Mannes hingebungsvoll als „Schnepfe“ bezeichnet wurde, ein Schimpfwort, das mittlerweile ganz aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist – von der berühmt-berüchtigten Nebelkrähe und diebischen Elstern ganz zu schweigen. (Gottseidank gehören solche Gespräche im Berufsleben weitestgehend der Vergangenheit an.)

Dass der Vergleich der menschlichen Stimme mit Vogelgesang ein Topos ist, der sich auch in der Notenliteratur niedergeschlagen hat, dürfte unter Sängern sattsam bekannt sein. Vor allem der flexiblen Sopranstimme wird dabei die vokale Darstellung von Singvögeln in die geläufige Gurgel hinein komponiert. Allein die Literatur, die sich mit Nachtigallengesang als Thema auseinandersetzt, würde einen ganzen Sammelband füllen:

Im deutschen Lied der Romantik finden sich Kompositionen von Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Johannes Brahms, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Edvard Grieg; Hugo Wolf erwähnt sie im Vorbeigehen, dafür ist Franz Schubert gleich zwei Mal mit unterschiedlichen Gedichtgrundlagen vertreten, die Vertonungen reichen insgesamt von Johann Hermann Scheins dreistimmigem Chorsatz bis hin zu Alban Bergs „Sieben frühen Liedern“.

Unter dem benachbarten französischen Stichwort „Le rossignol“ sind Werke von Lassus, Gounod, Délibes, Reynaldo Hahn und Camille Saint-Saëns aufgeführt, letzterer mit der aparten Komposition „Parysatis“, unter der man eine französische Version des Märchens „Die Nachtigall und die Rose“ von Oscar Wilde entdecken kann. In die frühe französische Moderne weisen Lieder von Florent Schmitt, Charles Koechlin und Darius Milhaud.

Darüber hinaus ist das russische Lied „I Soloviei (dt.: Die Nachtigall)“ sowohl ein bekanntes russisches Lied von Alexander Alabiev, über das Michail Glinka und Franz Liszt einige nicht ganz anspruchslose Variationen für Klavier solo geschrieben haben, als auch eine selten gespielte Kammeroper von Igor Stravinsky auf der Grundlage von Hans Christian Andersens Märchen.

Johann Strauss Sohn lässt es sich, als Tüpfelchen auf dem i, nicht nehmen, eine „Nachtigall-Polka“ zu schreiben, damit der arme Vogel auch etwas zu tanzen hat.

Sie lesen viel Unbekanntes? Sehen Sie, so ging es mir mit dem Vogelkalender auch. (Aus Gründen der Political correctness hier einen entsprechenden Band mit Nebelkrähen-Kompositionen zu fordern, ginge an der poetischen Realität vorbei. Zur Ehrenrettung sei aber Franz Schuberts „Die Krähe“ aus der „Winterreise“ D911 angeführt.)

Umgekehrt gibt es auch zahlreiche Versuche, durch Dressur den Vögeln beizubringen, die menschliche Stimme zu imitieren, was bei Papageien und Kakadus noch am ehesten von Erfolg gekrönt zu sein scheint. Gefiederte Freunde, die der Königin der Nacht oder Luciano Pavarotti nacheifern, scheint es einige auf der Welt zu geben, wenn man YouTube Glauben schenken mag. Für mehr als kurze Sequenzen reicht aber auch die beste Dressur nicht aus. Es sei unseren geflügelten Zeitgenossen gegönnt; sie haben auch, zugegeben, einen im Vergleich zum Menschen begrenzten Gehirnumfang. Bis das abendfüllende Solorecital eines Aras auf uns wartet, vergeht noch viel Zeit.

Mehr Geduld ist den Menschen gegeben, die sich mit dem Vogelgesang befassen, welcher ohnehin die natürliche Verständigungsform ist. Versuche, die echten, natürlichen Vogellaute zu notieren oder aufzunehmen, die Singvögel landauf und landab von selbst benutzen, sind zahlreiche gemacht worden. Zu den berühmtesten Komponisten, die sich mit diesem Thema befasst haben, zählt Olivier Messiaen, der 700 verschiedene Vogelstimmen voneinander unterscheiden konnte und einige davon in seinen Kompositionen verarbeitete.

Wäre er dieser Tage unterwegs, um seine ornithologischen Notizen zu Singvögeln in freier Natur zu machen, würden seine Ergebnisse vermutlich anders ausfallen. Den deutlichen Rückgang der Arten führt der BUND auf Insektensterben, weniger Lebensräume, Stromleitungen, Vogelschlag an Glasscheiben, verwilderte Hauskatzen und – wie immer – den Klimawandel zurück.

Was zur Erhaltung der menschlichen Singstimme, gleichgültig ob solistisch oder im Chor oder auch nur als ganz allgemeines Singen, vonnöten ist, steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.

Es steht aber selbstverständlich jedem frei, sich für den Vogelschutz oder für den Sängerschutz zu engagieren, damit beide Stimmformen erhalten bleiben, was, wenn man es metaphorisch betrachtet, eine gewisse Ähnlichkeit miteinander hat.